Das Blog

Oktober 2019

Beziehungsgeschichten

Sie waren schnell, sehr schnell, die Bauarbeiter im schönen Thüringen. In Erfurt am Moskauer Platz sollten sie jeweils an die 11 Tonnen schwere Betonplatten anheben, hochziehen, justieren und hängenlassen. Sie hingen. Und bevor die letzte Platte in den blauen Himmel entschwand, wurde die Mannschaft in die Pause geschickt, damit wir – die angereiste Presse, die lokale Presse, das Fernsehen, Radio und eine begeisterte Nachbarschaft – dem vorletzten Akt in der Vervollständigung des großen Wandmosaiks des Josep Renau beiwohnen durften. Vier Jahre bereitete die Wüstenrot Stiftung das Projekt „Rückkehr von Renau“ vor. Unzählige – um genau zu sein: 70.000 Glasfliesen wurden gereinigt, restauriert, neu verbunden und ergeben nun eine Beziehung, nämlich die des Menschen zu Natur und Technik. So heißt das Wandmosaik des spanischen Künstlers, 1907 in Valencia geboren und 1982 in Ost-Berlin gestorben, der einst als kommunistischer Kulturfunktionär während des spanischen Bürgerkriegs tätig war, für den Pavillon auf der Weltausstellung 1937 den Guernica-Auftrag an Picasso vergab, flüchten musste, in Mexiko den Muralismus kennenlernte und ab 1958 in der DDR als Grafiker und Wandgestalter Kunst machte. Auch Baukunst. Diese zu erhalten, zu schützen und zugänglich zu machen, ist eines der Ziele der Wüstenrot Stiftung. So leistete das Restauratorenteam um Peter van Treeck ganze Arbeit, denn Glas zerbricht, splittert, fällt ab, der Architekt schuf eine Betonkonstruktion, um das große Wandbild wieder an jenem Standort aufzurichten, an dem es einst hing, obgleich das ehemalige KuFZ nicht mehr existiert, die Stadt Erfurt sorgte für administrative, rechtliche und politische Schützenhilfe und ein Verein rettete das Wandbild zuvor vor der Zerstörung. Außerdem beteiligt am Gelingen waren natürlich Beiräte und Betongießer, Monteure und Redakteure, Erdarbeiter, Denkarbeiter und natürlich auch Denkmalarbeiterinnen. Nun strahlt die Wand mit vollen Händen, endgültig übergeben wird sie Anfang Dezember 2019, denn dann sind auch die Fugen dicht, die Gerüste weg, die Bodenplatten verlegt und es soll ein Fest gefeiert werden. Vermutlich gibt es Glühwein.

[S.H.]

Josep Renau: Wandmosaik Erfurt
Restaurierung durch die Wüstenrot Stiftung, 2019
Foto: Stefan Hirtz