June 2021

Wir schreiben das Jahr 2021. Dies sind die Abenteuer im Park bei Emma Metzler.

Ich selbst bin kein Astromykologe aus dem 23. Jahrhundert, so viel ist sicher. Aber sollte einst Lieutenant Paul Stamets mittels Sporenantrieb mit der USS Discovery im Frankfurter Metzlerpark gelandet sein – dann wäre er begeistert, jene Raumkapsel vorzufinden, in der ich eine ganze Erdennacht verbringen durfte.

MY-CO-SPACE ist eine bewohnbare Skulptur aus Pilzmaterial, die über einer raupenartigen Struktur ein wabenförmiges Mycel-Netzwerk ausgebreitet hat, in dessen Subraum es sich ganz vorzüglich über das Multiversum sinnieren lässt. Dazu offeriert die Ausstattung auch noch ein Fernrohr, welches eventuelle Sprünge in andere Galaxien mindestens visuell vorbereiten mag, andererseits ist es auch schon recht gemütlich vor Ort.

Es gibt pilzgefärbte Sitzkissen und Teppiche, neben dem Teleskop auch noch ein Mikroskop, welches über eine App die vorbereiteten Objektträger digital zur Schau stellt, pilzkundliche Studienmaterialien und eine Lampe mit Pilzschirm. Was es nicht gibt – aber es wird auch niemand gehindert, es mitzubringen – ist Bier, einen Hefezopf, Penizillin, Sojasoße oder ein schönes Schwammerl-Gericht. Dies gäbe es dann nebenan bei Emma Metzler.

Das Mycel, so habe ich nach nächtlicher Lektüre unter der Pilzlaterne und im Gespräch mit den Künstler:innen und Wissenschaftler:innen von MY-CO-X gelernt, sei das größte Lebewesen dieser Erde. Von wegen Elefant und Blauwal! Myzelien – um diese Kenntnis noch zu teilen – sind die Gesamtheit aller Hyphen, der fadenförmigen Zellen eines Pilzes und die befinden sich im Boden oder bei Baumpilzen im Holz. Das unterirdische Geflecht kann eine Größe von mehreren Quadratkilometern einnehmen. Wir hingegen nehmen nur die Oberfläche wahr, den Fruchtkörper und der schmeckt auch besser, wobei der Zunderschwamm (Fomes fomentarius) – eher bekannt als Baumpilz – wohl keine Leckerei ist. Aus dessen Mycel jedoch wurde an der TU Berlin jene Substanz biologisch hergestellt, die nun innen camembertweich und außen beschichtet, die Hülle um meinen Schlafplatz bildete.

Das Gefühl der Schwerelosigkeit stellte sich allerdings nicht unmittelbar ein, da mir das Aufblasen der Luftmatratze misslang, obgleich eine elektrische Pumpe ebenso zur gebuchten Ausstattung dazugehörte. Nichts desto trotz war immer noch genügend Luft vorhanden, um das leichte Schwanken der Raumkapsel beim Einbiegen in die dritte Dimension nachvollziehen zu können. Und warum dies so gut gelang, lag sicherlich auch an der Raum-Zeit-Biegung jener Kapsel, die sich auf Entwürfe der russischen Architektin Galina Balaschowa beziehen. Sie hat ihrerzeit die Innengestaltung des bemannten Raumschiffes Sojus und der sowjetischen Raumstation Mir verantwortet und maßgeblich Designideen für Leben auf kleinstem Raum entworfen. Das Kollektiv von MY-CO-X hat sich an ihrem Werk orientiert und eine Holzkonstruktion erschaffen, die sich einer Schnecke gleich im Metzlerpark gemütlich macht. Ich fand es auch gemütlich und ließ die Gedanken kreisen. Soll man auch: Wie möchten wir leben und was brauchen wir tatsächlich, sind die Leitgedanken des Kunstprojekts tinyBE.

Geweckt wurde ich am nächsten Morgen mit einem Klopfen an der Pilzwand, ob in der Skulptur noch der rote Hammer läge, tat er nicht. Aber gehämmert, gearbeitet, geschliffen und gepflanzt wurde noch so einiges, denn der Park am Museumsufer in Frankfurt am Main hat sich in ein ganzes Dorf verwandelt. Es besteht aus bewohnbaren Skulpturen, die nächtens und auch am Tage zu besichtigen und gegen eine recht ordentliche Gebühr auch zu bewohnen sind.

Es gibt die Thomas-Schütte-Hütte aus Holz, den Kopf von Mies van der Rohe aus Beton mit Hängematte von Christian Jankowski, die Embassy of the Refugee von Mia Eve Rollow & Caleb Duarte mit zwei Hochbetten, das Baumhaus unter freiem Himmel von Terence Koh und den Busen von Laure Prouvost (einer davon kann spritzen).

Ergänzt wird das Projekt tinyBE • living in a sculpture mit jeweils einer Lehmarbeit in Darmstadt von Onur Gökmen und in Wiesbaden von Alison Knowles, die ihr Werk durch einen 3D-Drucker errichten ließ. Rundum gelungen.

[S.H.]