<< Das Blog

März 2023

Wo stehen Sie?

Wo stehen Sie?

ZUR RECHTEN ZEIT
am falschen Fleck

ZUR RECHTEN ZEIT
AM RECHTEN FLECK

zur falschen Zeit
am falschen fleck

zur falschen zeit
AM RECHTEN FLECK

Wer ist die 91-jährige Berliner Künstlerin Ruth Wolf-Rehfeldt, die erst vor einigen Jahren wiederentdeckt wurde und diesen Text sowie viele andere in visuelle Poesie und ungewöhnliche Typen-Grafiken umsetzte?

Sie absolvierte eine Lehre als Industriekauffrau, zog 1950 nach Berlin und heiratete 1955 den Künstler Robert Rehfeldt. Sie arbeitete zunächst als Büroleiterin in einem Ost-Berliner VEB bis sie schließlich in die Ausstellungsabteilung der Akademie der Künste wechselte. In ihrer Freizeit kreierte sie ihre grafischen Werke.

Die umfangreiche und spannende Retrospektive Nichts Neues, bis zum 7.5.2023 im Kunsthaus DAS MINSK in Potsdam zu sehen, stellt die autodidaktischen Arbeiten der Künstlerin Ruth Wolf-Rehfeldt vor. Anhand von zweihundert Werken, die zwischen 1960 und 1990 entstanden, kann man in das Oeuvre Wolf-Rehfeldts eintauchen, das verblüffend aktuell ist.

Ihre kleinformatigen „Typewritings“, die Schreibmaschinengrafiken, entstanden seit den 1970er-Jahren auf einer Erika-Schreibmaschine, die zu ihrer stetigen Begleiterin wurde. In Formatgrößen zwischen DIN A6 und DIN A4 gestaltete sie via Satzzeichen der Schreibmaschinentastatur Muster, abstrakte Kompositionen, fließende Strukturen, die auch zu Collagen erweitert wurden, und Gedichte. Beeindruckend sind ihr künstlerischer Einfallsreichtum, mit dem die Künstlerin in immer neuen Variationen spielte. Auf eigenwillige und oft humorvolle Weise setzte sie sich mit aktuellen Themen wie Naturschutz, geistiger Freiheit oder Kommunikation auseinander.

Die englische Sprache brachte sie sich selbst bei und wurde gemeinsam mit Robert Rehfeldt zu einer Pionierin der Mail-Art-Bewegung. So bereisten ihre künstlerischen Arbeiten die Welt, als Postkarten versendet aus der DDR. Diese „Kunstpostbriefe“ boten Freiräume in der Kunst und entzogen sich der Zensur im Austausch und der persönlichen Korrespondenz. In weitverzweigten Netzwerken wurden die Kunstwerke kostenlos in Umlauf gebracht und die beiden standen als Mail-Artisten in einem regen Austausch mit internationalen Künstler*innen.

Nach dem Fall der Mauer stellte Ruth Wolf-Rehfeldt ihre künstlerische Arbeit vollständig ein, da sich aus ihrer Sicht die Funktion von Kunstproduktion und -verbreitung durch die neu gewonnenen Freiheiten vollständig veränderten. Der Stempel Nichts Neues entstand 2018 auf die Nachfrage, ob sie nicht wieder künstlerisch tätig sein möchte, und er liefert lakonisch die Antwort gleich mit.

Trotz ihrer großen künstlerischen Produktivität hatte Wolf-Rehfeldt ihren internationalen Durchbruch erst dreißig Jahre später. 2016 wurden ihre Arbeiten bei der Art Basel ausgestellt, 2017 auf der Documenta 14, 2021 wurde sie mit dem Gerhard-Altenbourg-Preis ausgezeichnet und 2022 ehrte man sie mit dem renommierten Hannah-Höch-Preis für ihr Lebenswerk.

Ruth Wolf Rehfeldt. Nicht Neues, DAS MINSK – Kunsthaus in Potsdam

[U.R.]